Mehr als 51 Jahre war mein Körper komplett erhalten - ausgenommen von kleinen Blessuren. Krankheiten habe ich i. d. R. gerade in Kindertagen gut weggesteckt. Auch Knochenbrüche habe ich überstanden. Doch die wirklichen Knaller betreffen das Innere des Körpers, die Organe. Thyreoidektomie ist das Stichwort... Darunter versteht man die komplette Entfernung der Schilddrüse. Leider ist die Schilddrüse für den Stoffwechsel äußerst wichtig und nicht so sinnlos wie der Blinddarm! Deshalb sollte man nicht so leichtfertig mit der Entscheidung sein.

 

Alles begann im Frühjahr 2017 als mein Hausarzt routinemäßig eine Untersuchung der Karotiden ins Spiel brachte. Leider gibt es familiäre Vorbelastungen, die diese Art der Vorsorge sinnvoll erscheinen lassen. Also die Überweisung genommen und mich bei einem Facharzt vorgestellt. Die Untersuchung ist schmerzlos und wird eigentlich mit Ultraschall durchgeführt. Der Facharzt war sehr gesprächig und vorsichtig bei der Untersuchung. Allerdings rutschte er mit dem Ultraschallgerät ab und kam in den Bereich der Schilddrüse. Das fröhliche und informative Geplapper wurde fast eingefroren. "Das sieht hier nicht so gut aus... wäre mal sinnvoll, sich einem Schilddrüsenspezialisten vorzustellen." Dann machte er sich wieder dran, die Karotiden zu begutachten.

Am Ende der Untersuchung waren zwar die Befunde für die Karotiden erfreulich, dennoch hielt ich eine Überweisung für die Nuklearmedizin in der Hand. Schilddrüse... Nie Probleme damit gehabt. Obwohl mir in den letzten Jahren sehr häufig Hitzewallungen und starkes Schwitzen zu schaffen machte, waren die Werte der Schilddrüse immer in Ordnung.

Meinen Vorstellungstermin im Schilddrüsenzentrum Westend hatte ich dann Ende Juni 2017. Auch hier wurde Ultraschall eingesetzt, um ein Bild von der Schilddrüse zu bekommen. Allerdings war das Gerät wesentlich aufgelöster im Bild als bei der Untersuchung der Karotiden. Die untersuchende Ärztin offenbarte mir dann mehr oder weniger direkt, dass die Schilddrüse vergrößert sei und keine regelmäßige Form besitzt. Das würde auf Knoten hindeuten und das müsse genauer untersucht werden. Also wurde ein weiterer Termin für eine Szintigrafie vereinbart.

Ultraschall meiner Schilddrüse

 

Ultraschall meiner Schilddrüse


 

Es vergingen wiederum knapp 3 Wochen und ich wurde wieder vorstellig. Ich bekam ein schwach radioaktives Serum gespritzt, musste etwa 30 Minuten abwarten und wurde dann vor eine Art Röntgengerät gesetzt. Hier musste ich so etwa 10 Minuten still sitzen während eine Aufnahme der Schilddrüse angefertigt wurde. Nach etwa 30 Minuten kam die Ärztin mit den Aufnahmen zur Erklärung des Befundes. In der Schilddrüse - sowohl im rechten als auch im linken Lappen - befanden sich Knoten. Selbst im Verbindungsteil Isthmus würden Knoten existieren. Alle Knoten wären "kalte Knoten", also Gewebe, welches kein oder wenig Jod aufnimmt, welches zur Bildung der Schilddrüsenhormone benötigt wird. Demzufolge wird in diesen Gebieten weniger oder auch kein Schilddrüsenhormon gebildet. Meist sind kalte Knoten die Geburtswiege für Karzinome - so wurde es mir erklärt. Allerdings sind nicht alle kalten Knoten auch gleich potientielle Karzinome. Das müsste eine Biopsie klären.

Szintigrafie-Aufnahme

 

Szintigrafie-Aufnahme mit kalten Knoten

 

Szintigrafie mit großem kalten Knoten im rechten Schilddrüsenlappen


Eine Schilddrüsenbiopsie - Gewebeentnahme aus der Schilddrüse - genau das, was ich mir immer schon vorgestellt hatte. Die Ärztin erläuterte mir, dass die Gewebeentnahme durch Einstechen einer Biopsie-Nadel in den rechten und linken Schilddrüsenlappen erfolgt. Eine Betäubung sei dabei nicht notwendig... Das machte die Sache für mich so richtig neugierig im negativen Sinne.

Der Termin für die Biopsie war etwa 2 Wochen später angesetzt. Ein recht warmer Sommertag und ich mit einer Nadel im Hals... Die Biopsie wurde unter Einsatz eines Ultraschallgerätes durchgefüht. Der Ultraschall ist ja nicht schlimm, doch als ich die Nadel sah, wurde mir schon ein wenig anders im Bauch. Schei*e, war die dick und lang... Und das soll in meinen Hals ohne Betäubung? Ich wage nicht, meinen Gedanken weiter freien Lauf zu lassen. Also Augen zu und durch. Das Einstechen war nicht so schlimm, eher das "stochernde" Gefühl der Nadel im Hals, um genügend Gewebe aufzunehmen. Das ganze musste ich zwei Mal über mich ergehen lassen, für jeden Schilddrüsenlappen wurde eine Nadel eingestochen.

Anschließend bekam ich ein Kühlkissen übereignet, was auf die Einstichstellen gelegt wurde und ich sollte sicherheitshalber 10 - 15 Minuten im Wartezimmer Platz nehmen, damit mir nicht plötzlich doch noch der Kreislauf versagte. Doch es war alles ok, ich hatte es überstanden. Das Ergebnis der Biopsie wurde mir nach Hause geschickt mit einem Termin in der Schilddrüsensprechstunde. Ich sollte alle Unterlagen zu dieser Sprechstunde mitbringen und dort würde der Befund und die weiteren Schritte besprochen.


In der Schilddrüsensprechstunde wurde ich von einer Ärztin empfangen, die auch gleich sämtliche Unterlagen entgegen nahm. Nach der Durchsicht eröffnete sie mir, dass die Biopsie zwar keine karzinogenen Anhaltspunkte hervorgebracht hätte, allerdings wären Schilddrüsenkarzinome i. d. R. sehr klein und dadurch wäre die Wahrscheinlichkeit, diese bei der Biopsie zu finden relativ klein. Da die Knoten in beiden Schilddrüsenlappen schon sehr groß wären (bis zu 3 cm) und selbst der Isthmus befallen wäre, würde sie zu einer Totalentfernung der Schilddrüse raten. Das Risiko, dass sich aus diesen Knoten ein Karzinom bilden würde in der Zukunft, wäre schon hoch. Allerdings gäbe es keine Garantie, dass die Knoten sich veränderten. Ein weiteres Wachstum wäre ebenfalls nicht auszuschließen und ein Schilddrüsenwert würde auf Entzündungsherde hinweisen, da extrem erhöht. Die Hormonwerte insgesamt wären normal. Aufgrund der fortgeschrittenen Größe der Knoten wäre eine baldige Operation angeraten.

Na toll. Bis zu diesem Moment hatte ich nie Probleme mit diesem Organ. Weder dass ich Atem- oder Schluckbeschwerden hatte noch machte mir der Hormonspiegel jemals Probleme. Auch hatte ich nur einen dicken Hals, wenn mir ein Mensch "komisch" kam. Mit anderen Worten: Opferst Du ein lebenswichtiges funktionsfähiges Organ für ein weiteres Leben mit Tabletten... Keine leichte Entscheidung.

Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage und auch nicht Willens, eine Entscheidung zu treffen. Ich wollte mir eine weitere Meinung einholen und mich insgesamt über das Krankheitsbild informieren. Eher konnte ich keine Entscheidung treffen.

Ich besprach dann den Befund nochmals mit meinem Hausarzt, der mir ebenfalls dringend empfahl, die Schilddrüse entfernen zu lassen. Das machte mir die Entscheidung trotzdem nicht einfacher. Ich bin ein rationaler Mensch und das brachte mich dazu, für die Operation zu stimmen. Allerdings wehrte sich etwas in mir, das Organ herzugeben. Trotzdem machte ich einen Termin für den 8.1.2019 zur Thyreoidektomie.


 

Am 7.1.2019 war das Vorgespräch für die Operation angesetzt um den Vorgang als solches und die erforderlichen Informationen zur Narkose aufzunehmen. Bis zu diesem Tag war ich in schlaflosen Nächten hin- und hergerissen, ob es die richtige Entscheidung wäre. Deshalb äußerte ich den Wunsch, dass die Schilddrüse fotografisch festgehalten wird, bevor sie zum Schnellschnitt und anschließender Befundung gesendet wird und mir am Korpus delikti mein Krankheitsbild erklärt wird. Ich hatte die Hoffnung, wenn meine eigenen Augen sehen, was dort in meinem Hals wuchs, dass ich es dann doch noch verkraften kann, ein Organ gegen lebenslange Tabletteneinnahme eingetauscht zu haben. Das ganze Prozedere dauerte etwa 2 Stunden und ich ging nach Hause. Abends rief ich dann auf der Station an um zu erfahren, wann ich mich einfinden sollte.

Ich war wohl der erste Patient am OP-Tag, denn zwischen 06:30 und 06:45 Uhr sollte ich mich auf der Station melden. Die Anreise an diesem Morgen fühlte sich für mich an wie ein Gang auf die Schlachtbank... Ich durfte ja nichts essen, nüchtern war die Devise. Kaum im Krankenhaus auf der Station angekommen und die Aufnahmeformalitäten erledigt, musste ich mich zügig bettfertig machen, denn 30 Minuten später kam schon der Transportdienst um mich in den OP zu karren. 08:20 Uhr war der angesetzte OP-Termin. So wartete ich, dass mir das Pflegepersonal die viel berühmte LMAA-Pille (Beruhigungspille) vor der OP brachte. Das geschah jedoch nicht.

Stattdessen kam ein gut gelaunter Transporteur und fuhr mit mir durch diverse unterirdische Gänge in den OP-Trakt. Im Vorraum des OP-Saales verabschiedete er sich und ich lag dort alleine. Dann kam ein Chirurg in den Vorraum, betrachtete wortlos das Schild auf meinem Bett und sah auf den an der Wand hängenden Monitor. Dann schüttelte er den Kopf und verließ wortlos den Vorraum. Dieser Vorgang wiederholte sich noch 3 Mal, bis dann eine Gruppe von Ärzten und Chirurgen diskutierend vor meinem Bett standen. Schließlich ging die Tür hinter mir auf, der gut gelaunte Transporteur kam wieder herein, entschuldigte sich, denn er hätte mich in den falschen OP gebracht...

Na toll, sehr vertrauenserweckend... Nach etlichen Biegungen wurde ich wieder in einen OP-Vorraum geschoben, in dem mich ein freundlicher Narkosearzt empfang. Dass ich jetzt an der richtigen Adresse war, wurde mit einem Fragebogen und einem kleinen Interview bestätigt. Allerdings konnte er nur vorbereitende Arbeiten machen, da das OP-Team noch nicht vollständig wäre und er nicht an die Medikamente komme... Auch wunderte er sich, dass ich die Beruhigungspille auf der Station nicht bekommen habe...

Mir war inzwischen alles egal. Was ich als extrem unbehaglich empfand, war die Kälte. Diese Gefühl kannte ich schon seit Jahren nicht mehr aber in diesem OP habe ich regelrecht geklappert. Selbst eine Decke half nur wenig. Deshalb war ich richtig froh, als endlich die Gasmaske zur Einleitung der Narkose in meinem Gesichtsfeld erschien. Zwei, drei tiefe Atemzüge später wurde mir schwummerig und dann hatte ich den Filmriss.

Gegen 12:30 Uhr wachte ich wieder auf - allerdings nicht so, wie ich es mir erhofft hätte. Je wacher ich wurde, desto größer wurden die Schmerzen im Hals. Ich dachte, mir hätte jemand einen Brenner an den Hals gehalten. Leider konnte ich keinen Ton hervorbringen und so wühlte ich vor Schmerzen im Bett rum. Um mich herum hörte ich nur immer Worte von "... der Blutdruck ist viel zu hoch... 260:120...". Der Blutdruck war mir egal, nur die Schmerzen sollten aufhören. Zwar waren sofort Leute zur Stelle und verabreichten Schmerzmittel, doch gefühlt verging eine unendliche Zeit bis die Schmerzen endlich nachließen und aufhörten. Mit dem Weggang der Schmerzen ging auch der Blutdruck runter. Das bekam ich aber nur am Rande mit, denn ich dämmerte wieder weg.

Gegen 13:00 Uhr wachte ich dann im Krankenzimmer auf der Station wieder auf. Zwei Drainageschläuche kamen aus meinem Hals und mündeten in Beuteln, die auf der Erde unter meinem Bett lagen. Die Wunde war mit einem großen Pflaster bedeckt. Das erste, was ich so richtig bemerkte, waren tierische Halsschmerzen. Aber kein Wundschmerz sondern derart, als hätte man eine Erklältung. Wie mir das Pflegepersonal erklärte, waren das die typischen Begleiterscheinung der Beatmung während der OP. Schmerzen im OP-Bereich hatte ich nicht mehr. Gott sei Dank. Allerdings war ich noch mit Schmerzmitteln vollgepumpt, so dass ich immer wieder einschlief. Essen und Trinken durfte ich - wenn ich wollte - sofort. So richtig wach wurde ich erst am folgenden Morgen.

Am Morgen des 9.1.2019 realisierte ich dann, dass meine Schilddrüse nicht mehr da war und ich den operierenden Arzt gar nicht kannte. Ändern konnte ich jetzt auch nichts mehr aber dennoch regten sich in mir Zweifel, ob die Entscheidung die richtige war. Nach dem Frühstück überprüfte ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, ob Beschädigungen an den Stimmbändern und eine Stimmbandlähmung ausgeschlossen werden konnte. Bei mir verlief diesbezüglich alles in Ordnung. Nach 2 Tagen wurden die Drainageschläuche entfernt, was völlig schmerzlos von statten ging. Sofort machte ich einen Hechtsprung unter die Dusche und fühlte mich fortan wieder als Mensch. Am 11.1. nach dem Frühstück konnte ich das Krankenhaus verlassen. Die OP-Narbe war schon so gut geschlossen, dass ich nicht mal mehr ein Pflaster auf der Wunde brauchte.


 

Zu Hause angekommen, realisierte ich, dass mir noch immer kein Arzt anhand von den gewünschten Aufnahmen den mir eigenen Befund erläutert hatte. Da das Krankenhaus eine Bewertung wollte, wandte ich mich an das Beschwerdemanagement. Ein paar Tage später rief mich eine Dame an und vereinbarte einen Termin in der Schilddrüsensprechstunde mit meinem zustständigen Chirurgen. Hier sollte mir die Bilder vorgelegt und der Befund erläutert werden.

Dieser Termin war für mich ausgesprochen informativ. Es ist zwar nicht jedermanns Sache, seine eigenen Organe anzuschauen, mir gab es jedoch die Sicherheit, mich richtig entschieden zu haben. Man konnte deutlich erkennen, dass die Schilddrüse doch im Verhältnis stark vergrößert war. Auch erläuterte die Chirurgin, dass Frauen häufiger zur Kropfbildung nach außen neigen während die Männer die Vergrößerung in Körperinnere ausbilden, so dass von außen i. d. R. nichts zu sehen scheint. Als ich nun meine beiden Schilddrüsenlappen vor mir auf den Bildern begutachten konnte, war ich doch sehr erschrocken, welcher Kloß in meinem Hals als tickende Zeitbombe gesessen hat. Ich denke, es war richtig, das Organ zu opfern. Heute erinnert mich eine etwa 5 cm lange Narbe am Hals an diesen Tag. Noch ist sie farblich sichtbar, es ist ja auch erst 6 Wochen her. Die Hoffnung, dass die Narbe am Ende des Jahres nahezu verblasst ist, besteht nach wie vor.

rechter Schilddrüsenlappen mit großem Knoten

 

knotige Oberfläche linker Schilddrüsenlappen außen

 

linker Schilddrüsenknoten Innenansicht

 

(C) 2019 Michael Kovar